Menschenbild - ein Tabu der Schulmedizin____________________ zurück
Pierre Strub 2006

In naturwissenschaftlichen Kreisen wird der Frage nach dem Menschenbild konsequent ausgewichen.
Sie ist tabu.
Unter Tabu versteht man ein Unantastbares, ein ungeschriebenes Gesetz, das auf Grund bestimmter Anschauungen innerhalb einer umschriebenen Gemeinschaft verbietet, über bestimmte Dinge zu sprechen oder sie zu tun. Entscheidend ist, dass das Verbot sich auch auf seine Formulierung erstreckt. Nur schon sich damit befassen ist ein Verstoß, ist tabu. Damit steht das Tabu zwangsläufig außerhalb jeder Diskussion. Im Unterschied zum Verbot, das formuliert werden muss und mit Strafe innerhalb der Gemeinschaft droht, führt die Verletzung eines Tabus zu sozialer bis hin zu physischer Ausgrenzung: der Tabubrecher wird nicht ernst genommen, er wird ignoriert, totgeschwiegen, kalt gemacht. Je mehr Menschen einer Gemeinschaft sich an dieser Ausgrenzung beteiligen, desto mehr Macht übt das Tabu aus.
Ein Tabu kann mit minimalem Aufwand an Regelungen und Sanktionen eminent wichtige Aufgaben erfüllen. Es ist ein besonders wirksames Mittel sozialer Kontrolle. Das Tabu schützt eine Gemeinschaft vor Hinterfragung ihrer Bezugssysteme und Grundlagen, die zu einer Schwächung ihrer Identität und zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse führen könnte. Es vermag die bestehende Ordnung zu stabilisieren. Dadurch, dass schon die Frage nach dem Tabu tabu ist, können die grössten Widersprüche nebeneinander bestehen bleiben, die hinterfragt unerträglich würden und eine Veränderung herbeiführen müssten. Damit vermag das Tabu aber auch einen längst fälligen Fortschritt zu verhindern.
Die Strategien mit tabuisierten Themen sind vielfältig. Die wichtigsten sind das Totschweigen, die Lächerlichkeit, die Ausgrenzung und die Fremdbesetzung von Begriffen, die inhaltlich einen Bezug zum Tabu haben. Die Begriffe erhalten dabei einen fremden, meist geringschätzigen Inhalt und können so das Tabuisierte nicht mehr ausdrücken; von nun an fehlt die Sprache, darüber zu reden.

Ein Menschenbild beinhaltet nicht nur die Vorstellung dessen, was der Mensch ist, sondern auch was er werden soll. Es beschreibt innerhalb einer Kultur grundlegende Werte der Identität des Menschen und des Sinnes seines Daseins. Das Menschenbild bildet so Grundlage und Massstab von Gedanken und Handlungen. Wie auch immer ein Menschenbild aussehen mag, es wird in irgend einer Weise Körper, Seele und Geist definieren und zueinander in Beziehung bringen müssen. Jeder Mensch und jede Wissenschaft bezieht sich in ihrem Denken, Forschen und Handeln zwangsläufig auf ein Welt- und Menschenbild. Dieses Bild wird aber heute selten explizit formuliert. In der Schulmedizin ist es tabu.
Die wissenschaftliche Grundlage der Schulmedizin, wie sie an den Universitäten gelehrt und erforscht wird, ist die Naturwissenschaft. Diese stützt sich mit ihrem diskursiven Denken auf ein materialistisches Weltbild, das sie gleichzeitig auch hervorgebracht hat. Durch die konsequente Forschung auf diesem Erkenntnisweg haben sich in der Medizin beeindruckende Therapiemöglichkeiten ergeben, die sich folgerichtig nach Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit messen lassen.
Stellt man hingegen dem einzelnen Menschen die Frage nach seinem Sein und Werden, so wird man in der Vielfalt der Antworten ein Bild eines Körper-Geistwesens erkennen, das nach einer transzendentalen Vollkommenheit strebt. Hier orientiert sich der Mensch nicht primär nach dem Zweck, sondern nach dem Sinn. Selten wird man auf diese heute sehr intime Frage die konsequent rationale Antwort bekommen, die den Menschen als Produkt chemisch-physikalischer Vorgänge erfasst und den Daseinssinn in der Befolgung dieser Gesetze findet.

Im Gesundheitswesen stehen sich also zwei Menschenbilder gegenüber, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Auf dem ersten, materialistischen gründet die heutige Naturwissenschaft mit ihren universitären Institutionen, auf das zweite bezieht sich der einzelne Mensch, wenn er sich auf sich selber besinnt, und vor allem wenn er leidet.
Dieser Widerspruch müsste eigentlich zu Diskussionen, zu Veränderungen und schliessllich zu einer Neuordnung führen, wenn die bestehende Ordnung nicht durch ein Tabu stabilisiert wäre. Die anfangs dargelegten Merkmale eines Tabu sind in der Medizin offensichtlich:
- Das Menschenbild steht in der Schulmedizin nicht zur Diskussion. Der Begriff wird zwar häufig mit vagem Inhalt gebraucht; eine klare Stellungsnahme im Sinne von "von dem gehen wir aus" sucht man vergebens.
- Medizinverfahren und Aerzte, die sich auf ein differenziertes Menschenbild stützen, werden ausgegrenzt.
- Begriffe, die für eine fruchtbare Diskussion unentbehrlich wären, haben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren und sind in ihrem Inhalt zum Teil bis zu Schimpfwörtern entstellt (z.B. Geist, Geisteswissenschaft, Intuition, Lebenskraft, Esoterik, transzendental usw.).
Das Tabu stabilisiert die vorherrschende Ordnung. Man stelle sich die Konsequenzen vor, die eine Integration des "geistigen" Menschenbildes (man beachte hier das Fehlen eines brauchbaren Begriffes) in die Schulmedizin bewirken würde: Eine Therapie müsste nicht nur nach ihrer Wirkung auf bestimmte Symptome beurteilt werden, sondern auch nach der Weiterentwicklung des Patienten beurteilt werden; nicht mehr der Zweck sondern der Sinn stünde im Vordergrund und anstatt wirtschaftlich hätte eine Therapie menschengemäss zu erfolgen. Man stelle sich vor, die evidence based medicine müsste ihre Prämissen hinterfragen, und sie müsste sich eingestehen, dass ihre Aussagen letztlich nur für ein materialistisches Menschenbild von Bedeutung sind. Man stelle sich die Konsequenzen für die Wirtschaft und für all diejenigen Menschen vor, die heute mit den Grundlagen des materialistischen Menschenbildes eine komfortable und geachtete Stellung eingenommen haben. Und nicht zuletzt vergegenwärtige man sich, was es für den Menschen als Patienten bedeuten würde, wenn Heilung nicht einfach Beschwerdenfreiheit bedeuten würde, sondern heil werden, "werden der er ist".
Das Enttabuisieren des Menschenbildes wird wohl erst einer nächsten Generation gelingen.

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