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Methodik

Arbeitsgrundlagen der Interessengemeinschaft Homöopathie und geisteswissenschftlich
erweiterte Hausarztmedizin
Verfasst von Barbara Bichsel, Peter Mattmann, Pierre Strub


Für die Verschreibung eines homöopathischen Medikamentes ist nach den Regeln der Homöopathie die Ähnlichkeit zwischen Krankheitsbild und dem Arzneimittelbild massgebend. Ähnlichkeit bezeichnet die Übereinstimmung im Wesen, die anhand von charakteristischen, eigenheitlichen, und besonderen Symptomen gefunden wird.

In homöopathischen Kreisen wird zwar immer wieder darüber gestritten, ob das
Arzneimittelbild neben der Symptomenreihe seine Berechtigung habe und vor allem, ob das Arzneimittelbild hahnemannkonform sei oder nicht. Er selber spricht zwar im Organon öfters von Krankheitsbildern und dem Aufsuchen von ähnlichen Gegenbildern in der materia medica, nie aber explizit von Arzneimittelbildern. Wie auch immer Hahnemanns Auffassung darüber gewesen sein mag, wer den Begriff "Ähnlichkeit" ernst nimmt und zwischen "ähnlich" und "gleich" so wie auch zwischen "Bild" und "Abbild" zu unterscheiden weiss, der wird einsehen, dass die Homöopathie nicht ohne Arzneimittelbilder ausgeübt werden kann. Unbestritten bleibt meist auch, dass die Homöopathie einer phänomenologischen Betrachtungsweise entspricht.
So hat die Einsicht, dass eine Ähnlichkeit nur zwischen Bildern gefunden werden kann, immer wieder Homöopathen dazu motiviert, die gegebenen Symptomenreihen zu einem allgemeingültigen Bild zu beleben.
Die meisten zeitgenössischen Homöopathinnen und Homöopathen arbeiten mit sog. „Essenzen“, die das Wesen der Arznei zu beschreiben versuchen. Für die phänomenologische Betrachtung ist die philosophische Frage, ob einer Substanz ein Wesen zukommt, d.h. ob sie Bedeutung und Sinn hat, müssig, denn hier gibt es erkenntnistheoretisch keine vom Subjekt unabhängige objektive Welt. Diese entsteht allein im Bewusstsein des erkennenden Subjekts, das stets intentional ist, d.h. auf einen äusseren oder inneren Gegenstand ausgerichtet ist. Wir können die Dinge gar nicht erkennen, ohne ihnen eine Bedeutung, einen Sinn zu geben.
So suchen die meisten Autoren aus der Fülle der Symptome die (von ihrer Sicht aus) "auffälligsten, sonderlichsten, usw." Symptome auf, um von diesem Standpunkte aus, die übrigen darum herum in
Themen zu ordnen und zu interpretieren. Dabei ergibt sich meist ein einleuchtendes Bild, sofern man gewillt ist, den Standpunkt des Autors einzunehmen. Doch nur schon die Bildung von Themen ist ein heikler Versuch, im Chaos der Symptome Ordnung zu schaffen, denn das Ordnen setzt eigentlich schon die Übersicht voraus, durch die dieses Ordnen eben erst ermöglicht werden sollte. Hier besteht die grosse Versuchung, dass der Mensch sich gerne auf unbewusste Themen stützt, die ihm nahe stehen ("Lieblingsthemen"). So findet jeder Autor seine eigenen Themen wieder, auf die er sein Gedankengebäude aufbauen kann.

Die Feststellung, dass von ein und derselben Substanz viele, oft sehr verschiedene Arzneimittelbilder entworfen werden können, sollte jedoch eine Aufforderung sein, die Methodik zu hinterfragen, denn ein eindeutiges und allgemeingültiges Bild darf nicht vom Standpunkt eines Autors abhängen, sondern einzig von der Substanz selber. Es muss also eine Methode gefordert werden, die die Symptomenreihe eines Arzneimittels nach der Wirklichkeit der Substanz ordnet.

Die Arzneimittelbild-Forschung, die vom argentinischen Homöopathen Dr. Alfonso Masi-Elizalde entwickelt wurde, war eine Antwort auf diese unbefriedigende Situation. Masi bezeichnete die heutige Homöopathie als ein nouveau-né, ein Neugeborenes: Die Methode steckt noch in den Anfängen. Wir kennen zu wenige Arzneien ihrem genauen Wesen nach. Masi beschäftige sich auch mit weniger bekannten Mitteln (Oligochresten) und entwickelte eine wissenschaftliche Methode, um – jenseits tradierter Arzneimittelbilder und Essenzen - zu einem neuen Verständnis des Wesens der erforschten Arzneien zu gelangen. Die wichtigsten Elemente dieser Methode sind: Rückkehr zu den Quellen (Wortlaut der Arzneimittelprüfungssymptome), Themenbildung abgeleitet aus der Gesamtheit aller Prüfungssymptome, Beizug von Symbolik, Wissen über die Substanz, Linguistik usw., Essenzbildung mittels der scholastischen Philosophie des Thomas von Aquin und der Theorie der Primärpsora, die auf der Idee eines spirituellen Mangels beruht.
In der Schweiz entstanden im Anschluss an verschiedene Seminare, die Masi in der Schweiz und in Deutschland durchführte, zwei Masi-Arbeitsgruppen, die viele Arzneimittel nach dieser Methode erforschten und entsprechende neue Arzneimittelbilder erstellten. Eine Reihe solcher nach Masi revidierter Arzneimittelbilder wurde in der „Materia medica homoeopathica, revidiert nach Dr. Alfonso Masi-Elizalde“ (Stephan Preis, Peter Mattmann-Allamand, Christoph Weihe) veröffentlicht. Die Basler und die Zürcher Masi-Gruppe traf sich in der ersten Hälfte der 90-er Jahre jeweils einmal im Jahr zu einem gemeinsamen Seminar, bei dem eine Arznei gemeinsam erforscht werden sollte.
Als die Seminare zu Sepia und Natrium muriaticum zu keinem Ergebnis führten, kam es zur Spaltung. Die Zürcher Gruppe war unzufrieden darüber, dass ihr Vorschlag, der Substanz eine grössere Bedeutung beizumessen, kein Gehör fand. Sie schlug in der Folge einen eigenen Weg ein, der sich als befriedigender herausstellen sollte. Es zeigte sich, dass eine Methode, bei der das Erleben der Substanz in der Gruppe ins Zentrum rückte, den Zugang zu den erforschten Arzneien öffnete, auch dort, wo dieser früher verschlossen blieb.
Mit der neuen Methodik erschlossen sich z.B. auch Sepia und Natrium muriaticum unserem Verständnis, Arzneien, die vorher im Dunkeln geblieben waren.
Die frühere Zürcher Masi-Gruppe, die sich neu „Interessengemeinschaft Homöopathie und geisteswissenschaftlich erweiterte Hausarztmedizin“ nannte, wandelte die Methodik von Masi in einem zweiten Punkt ab: Die spekulative Hypothese von der Primärpsora wurde aufgegeben. Es war wenig plausibel, dass die Arzneien ihre Heilwirkung, basierend auf einem spirituellen Defizit, entfalten sollen. Von nun an betrachtete die Gruppe das Bild jeder Arznei als ein in sich vollkommenes Wesen. Wir versuchten von den negativ gefärbten Beschreibungen, wie sie in tradierten Arzneimittellehren nachzulesen sind, wegzukommen und positive Formulierungen zu finden.
Im September 2006 veranstaltete die IG ein Theorie- und Methodik-Seminar in der Toscana, nahe von Arezzo. Das Ziel dieses Seminares war es, Klarheit über methodologische Probleme zu schaffen und die Ausformulierung der Methode zu realisieren. Dabei wurde klar, dass die Methode, die wir ohne methodologisch-philosophische Reflexion in den Seminarien von 1997 bis 2006 entwickelt haben, in der phänomenologischen Philosophie exakt beschrieben wird.
Die von Edmund Husserl 1900 in den „Logischen Untersuchungen“ beschriebene und von ihm Phänomenologie genannte Philosophie war prägend für die Philosophie des 20. Jahrhunderts, insbesondere für Autoren wie Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Merleau-Ponty, Bergson, Kierkegaard, Nietzsche, Balsac, Proust, Cézanne. Als eine Art „Arbeitsphilosophie“ nahm sie Abschied von den Weltanschauungsfehden und Welterlösungformeln des 19. Jahrhunderts. Ihr Ruf hiess: Zurück zu den Sachen selbst! Nicht von den Philosophien oder von positiven Wissenschaften oder tradierten Weltanschauungen, „sondern von den Sachen und Problemen selbst muss der Antrieb der Forschung ausgehen“ (Husserl XXV, 61). Dabei sollte – anders als in den positivistischen Naturwissenschaften - das Subjekt nicht ausgeklammert werden. Objektivität lässt sich erkenntnistheoretisch nicht begründen. Alle Erkenntnis beruht auf Erfahrungen des “intentionalen Bewusstseins“ der Subjekte. D.h. weder das beobachtete Ding (Objekt), noch das beobachtende Subjekt sind frei. Sie sind vielmehr im Bewusstseinakt untrennbar verbunden. Es gibt eine unauflösbare Differenz, zwischen dem Gegenstand, der intendiert und dem Gegenstand, wie er intendiert wird. Darum ist keine sichere objektive Aussage möglich. Wir können nur beschreiben (deskribieren), als was sich etwas zeigt. Die Phänomenologie sucht also den Zugang zu einer Sache, indem sie vom unmittelbar Gegebenen (Erscheinenden) ausgeht und beschreibt, wie sich etwas zeigt. Sie vollführt eine neuartige Zuwendung zur Sache, versteht sich als eine „Schule des Sehens“. Camus: „rapprendre à voir le monde.“
Ziel ist es, dabei das Wesen einer Sache zu erfahren, zu erleben und dann zu beschreiben. Die Sachen, um die es geht, liegen uns nicht unverdeckt vor Augen, sie sind da und nicht da, bekannt und verkannt zugleich. „Der Gegenstand
ist nicht einfach ein und derselbe, er erweist sich als derselbe im Wechsel von Gegegebenheits- und Intentionsweisen, in denen er aus der Nähe oder aus der Ferne, von dieser oder von jener Seite erschaut, in denen er wahrgenommen, erinnert, erwartet oder phantasiert, in denen er beurteilt, behandelt oder erstrebt, in denen er als wirklich behauptet, als möglich oder zweifelhaft hingestellt oder negiert wird. Diese Variationskette liesse sich fortsetzen, auch historisch und kulturell konkretisieren...“(Bernhard Waldenfels, Einführung in die Phänomenologie, UTB Wissenschaft, 2001).
Das Wesen einer Sache offenbart sich nicht als ein Geschenk augenblicklicher Intuition, „sondern es ist das, was sich in einem Prozess imaginativer Variation, d.h. im Durchspielen verschiedener Erfahrungsbedingungen und Erfahrungskontexte als in–variant behauptet.“ (Waldenfels a.a.O.)
Neben der Technik der imaginativen Variation gibt es zwei methodische Grundhaltungen: die „eidetische“ und die „transzendentale“ Reduktion. Diese Haltungen sind die Voraussetzung dafür, dass sich ein verstecktes, bisher unerkanntes Wesen offenbaren kann: Sie können im griechischen Begriff „Epoché“ (Enthaltung von jeglichem Urteil im Sinne des Verzichts auf vorgefasste Meinungen) zusammengefasst werden. Bei der „eidetischen Reduktion“ wird das unmittelbar Erscheinende nur auf sein „eidos“ (nach Platon entspricht dies dem Urbild) zurückgeführt. Es wird nur beschrieben, als was sich etwas zeigt, ohne irgendwelches Vorwissen oder Vorurteile über dieses „Ding“ in den Forschungsprozess miteinzubeziehen. Bei der „transzendentalen Reduktion“ wird das unmittelbar Erscheinde erfasst, ohne dass der Beschreiber sich darum kümmert, ob diesem eine mögliche Existenz zu- oder abgesprochen wird.
Aus dem Gesagten ergibt sich der phänomenologische Begriff von „Wahrheit“: Wahr ist dann etwas, wenn das gemeint ist, was sich zeigt oder wenn das sich zeigt, was gemeint ist.
Phänomenologie lässt sich kurz wie folgt zusammenfassen:
Es ist der Versuch, Zugang zu einer Sache zu bekommen,
- indem die Forschenden vom unmittelbar Gegebenen ausgehen
- ihre Subjektivität miteinbeziehen
- sich Vorurteilen enthalten
- durch imaginative Variation (Beobachtung auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedener Perspektive)
- das Wesen einer Sache beschreiben oder erklären.

Die Erfahrungen aus unserer langjährigen Arzneimittelforschung zeigen, dass eine
Substanz sich auf drei verschiedenen Ebenen ausdrücken kann: auf der physischen Ebene als Substanz (Signaturen), auf der seelischen Ebene als Wirkung auf den Menschen (Symptome) und auf der geistigen Ebene in Symbolik und anderen Überlieferungen. Die dabei wahrnehmbaren Erscheinungen dieser drei Ebenen sind untereinander kohärent, entziehen sich aber jeder causalen Erklärung.
Wie bei einer Fotografie stehen die Symptome nicht in einem kausalen Verhältnis zu ihrem Ursprung. Sekundär können dann aber durchaus kausale Reaktionen auf die "Primärsymptome" gefunden werden.
Die
Symptome einer Arzneimittelprüfung sind Reaktionen der menschlichen Lebenskraft, die offensichtlich nicht nur in verschiedenen Bereichen wirkt (z.B. Wachstum, Fortpflanzung, Gefühlsbildung u.a.), sondern zusätzlich auch individuell verschieden reagieren kann (mit Tumorbildung oder Entzündung, Destruktion, Depression, Aggression usw.), sodass ein bestimmter Reiz auf die Lebenskraft eine unüberblickbare Fülle von verschiedenen Symptomen der menschlichen Pathologie bewirken kann und umgekehrt ein bestimmtes Symptom von den unterschiedlichsten Substanzen erzeugt werden kann. Der Schluss ist nahe liegend, dass die Ordnung nicht in den Symptomen gefunden werden kann und dass die Symptome eigentlich nur interpretiert und eingeordnet werden können, wenn das Wesen der Arznei bereits erkannt wurde.
Ein weiteres Problem der Symptome liegt darin, dass Symptome meist nur eine Pathologie ausdrücken. Die philosophische Erkenntnis, dass das Böse (Pathologie) lediglich ein Mangel an Gutem (Gesundheit) ist, macht deutlich, dass die Pathologie allein nicht geeignet ist, das Wesen einer Arznei zu beschreiben. Das Arzneimittelbild muss vielmehr als Teilaspekt der Gesundheit verstanden werden können, so wie die Substanz selber ja auch ein „Sein“ und nicht ein „Mangel“ auf Erden ist.

Zur Überwindung dieser eben geschilderten Schwierigkeiten haben sich während unserer Arbeit folgende methodische Ansätze bewährt, die im Wesentlichen den Forderungen der phänomenologischen Forschung entsprechen.
1. Die
Erscheinungen einer Substanz auf den drei Ebenen (Substanz, AMP, Überlieferung respektive geisteswissenschaftliches Material) werden als gleichwertige Informationen betrachtet und gleichzeitig betrachtet.
Zur Veranschaulichung, dass auf einer einzigen Ebene keine Eindeutigkeit gefunden werden kann, dient der Vergleich mit einer geometrischen Ebene, auf der jeder Punkt als Mittelpunkt für ein Koordinatensystem gewählt werden kann. Erst durch das Schneiden mit zwei weiteren Ebenen finden wir zum Punkt, der für alle Ebenen zentrale Bedeutung hat. Es entspricht dem Wesen des Punktes, dass er selber nur ein Sein auf allen drei Ebenen ist und keinen Raum gibt für weitere Charakteristiken. Mit andern Worten, wir können diesen Mittelpunkt nur indirekt, d.h. durch die drei Ebenen beschreiben.
Die in unserer Arbeit verwendeten Ebenen sind folgende: die Ebene der
Substanz (chemische und physikalische Eigenschaften, Botanik, Zoologie); die Ebene der Arzneimittelprüfungen (Symptome beim Menschen); die Ebene des geisteswissenschaftlichen Materiales (Synonima, Etymologie, Mythen und Geschichten).

2. Das Ordnen der gesammelten Symptome, Signaturen und Überlieferungen zu Themen muss als
Gruppenprozess durchgeführt werden. Dadurch kann die Ebene des subjektiven Erlebens multipliziert werden, was zusätzliche Schnittstellen der Variation ergibt.
Die Zusammenarbeit in der Gruppe von mehreren Menschen hat sich bei der Erforschung eines Arzneimittels in vielen Beziehungen als besonders fruchtbar erwiesen. Die Gemeinschaft hat ihrem Wesen nach die Möglichkeit, individuelle Lieblingsthemen, Anschauungen und Meinungen (blinder Fleck) zu hinterfragen und nötigenfalls immer wieder aufzulösen. Die erneute Formulierung muss dann allerdings wieder vom einzelnen Menschen vorgenommen werden, sodass in der Gruppe ein Gleichgewicht der Gemeinschaft und Individualität angestrebt werden muss.
Die Gruppenarbeit hat zudem deutlich gemacht, dass es in der Forschung unabdingbar ist, sich auf klar definierte Grundlagen beziehen zu können. Dazu gehören nicht nur die Definitionen der Begriffe, sondern auch die eines Menschen- und Weltbildes. Die Erkenntnis, dass die Symptome nicht nur in sich auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene beim Menschen, sondern auch mit den Signaturen (der Minerale, Pflanzen und Tiere) in der Natur kohärent sind, legt ein Welt- und Menschenbild nahe, in dem die Substanz ein Teil des Menschen darstellt. So haben die bisher erforschten Arzneimittel immer einen ganz bestimmten Aspekt des menschlichen Daseins dargestellt, eine Voraussetzung, die beim Menschen erfüllt sein muss. Die Substanz selber verkörpert diesen Aspekt in vollkommener Art und Weise; der kranke Mensch drückt ihn als Gesundheit oder als Pathologie aus. Ob in dieser Beziehung kausale Erklärungstheorien nötig und fruchtbar sind, ist noch nicht geklärt.


3. Das
intuitive Denken erhält neben dem kausal-analytischen Denken gleichwertigen Raum.

Abhängig vom Wesen eines Bildes und im Unterschied zum Gegenstand erfolgt das Erkennen des Arzneimittelbildes nicht linear entlang der gefundenen Fakten, sondern ist geprägt von einem stetigen Wechsel zwischen Erfassen und Auflösen, einem Ausformulieren und Verwerfen des angestrebten Bildes. Auch hier hält die Gruppe von verschiedenen Menschen den Prozess in Gang. Für das Verständnis dieses Prozesses kann auf die Monographie über das Kochsalz (Natrium muriaticum) verwiesen werden, denn es entspricht dem "solve et coagula", dem fortschreitenden Prozess von Auflösen und Ordnen. Hier zeigt sich auch deutlich das Grundproblem jedes konkreten Festhaltens und Ausformulierens eines Wesenhaften: Der Begriff ist beschränkt und entspricht nur der halben Wahrheit, jedoch ohne Begriff kann das Wesen nicht erfasst und vermittelt werden.
Das Wesen kann nicht in einem gemeinsamen, auf einem Gruppenkonsens beruhenden Text beschrieben werden, weil es auf dem intentionalen Bewusstseinsakt eines jeden einzelnen Subjektes basiert. Die gemeinsame Essenz brächte demgegenüber eine unzulässige Objektivierung, wodurch das phänomenologische Prinzip der Epoché verletzt würde. Worüber jedoch sinnvollerweise ein Konsens erzielt wird, sind die Themengruppen. Sie legen ein grobes Rohmuster, von dem aus die einzelnen Forschenden ihre individuelle Wesensbeschreibung herleiten können.
Aus diesen Gründen ist es sinnvoller auf eine zusammenfassende Ausformulierung des Wesens innerhalb der Gruppe zu verzichten und die einzelnen Berichte nebeneinander stehen zu lassen.

Praktisches Vorgehen bei der Arztneimittelforschung



1. Erste Begegnung mit der Substanz

Aufsuchen der Substanz (falls möglich in der Natur)
Betrachtung der Substanz
Beschreibung der Substanz
Genaue Beschreibung und Herkunft der für die Verreibung verwendeten Substanz

Anschliessend
Verreibeprüfung mit diesem Material bis zur C3 (ev. C4).
Gemeinsames Aufschreiben des während der Verreibung Erlebten, wobei die Äusserungen unzensuriert geäussert und möglichst wörtlich aufgenommen werden.

2. Betrachtung des naturwissenschaftlichen Materiales

Vorkommen, Morphologie, Stellung in der Evolution, Verhalten, physikalisch-chemische Eigenschaften, Verwendung usw.
Auffälliges, Spezielles, Individuelles der Substanz erfassen und diese Stichworte in der
Themenliste der Materia physica festhalten

3. Betrachtung des geisteswissenschaftlichen Materiales

Namen der Substanz und deren jeweilige Bedeutung, Mythologie, andere Geschichten oder Überlieferungen, Sprichworte, Bibelzitate, Symbole und deren Bedeutung, alchemistische Betrachtung usw.
Erstellen der
geisteswissenschaftlichen Themenliste mittels der auffälligen Begriffe

4. Erstellen der Themenliste der Materia medica

Protokoll der Verreibeprüfung
Themen aus homöopathischen Arzneimittelprüfungen
Toxikologie
Andere medizinische Quellen
Erstellen der
Themenliste der Materia medica aus den medizinisch-toxikologischen Quellen


5. Bildung der Themengruppen

Die Themengruppen werden aus dem naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Material und aus der Themenliste der Materia medica erstellt.
Eine Themengruppe ist eine
Zusammenfassung von Themen, welche in sich wesensverwandt sind. Die Erstellung des Zusammenhanges muss unvoreingenommen und im Konsens der ganzen Gruppe erfolgen. Bei der Suche nach Wesensverwandtschaft zwischen verschiedenen Themen werden geisteswissenschaftliche Hilfsmittel, z.B. Lexika der sinnverwandten Wörter (Synonyme), Symbollexikas usw. verwendet.
Themen, die vorerst nicht eingeordnet werden können, müssen in einer separaten Themengruppe aufgeführt werden, weil vorerst die Wesensverwandschaft nicht erkannt wird, sich aber u.U. während der anschliessenden Synthesendiskussion ergeben kann.
Die Überbegriffe der Themengruppen sollen anfänglich möglichst offen gehalten werden.

6. Synthese

Versuch, die einzelnen Themengruppen miteinander zu verbinden im „Solve et coagula“-Prozess. Stehenlassen der Betrachtungen der einzelnen Teilnehmer nebeneinander. Die Synthese sollte dem Leser ermöglichen, den erlebten Prozess in der Gruppe nachvollziehen zu können.

Begriffsdefinitionen


Ähnlichkeit
In charakteristischen Eigenschaften übereinstimmend.
Ausdruck gestalthafter qualitativer Übereinstimmung wesentlicher Eigenschaften, ohne quantitative Gleichheit zu erreichen. Jeder Ähnlichkeit liegt die Vorstellung der Anschaulichkeit zugrunde, auch im übertragenen begrifflichen Sinn. (Anschauung: unmittelbares sinnliches Wahrnehmen oder geistiges Erfassen eines Gegenstandes)

"Während die Ähnlichkeit auf äusserlicher Ähnlichkeit beruht, werden im Symbol innere Zusammenhänge sichtbar."
Etymologisch: dessen Gehalt nahe daran ist
Sinnverwandt: entsprechend, analog, als ob, anklingend, erinnernd an etwas, etwa wie, gerade so, gewissermassen, gleichsam, sozusagen, verwandt, wie, artgemäss, annähernd, anscheinend.
simile lt.: Gleichnis, Beispiel, Analogon
Bild
Etymologisch wird eine Wurzel vermutet, die "Form" und vor allem "richtige Form" bedeutet haben soll. Die älteste Bedeutung war im Sinne von "Vorbild, Muster" und erst später überwiegend von "Abbild".
Im Bild wird eine Vorstellung geformt und festgehalten. Im Griechischen "eikon, eidolon" ist die Verwandtschaft mit der Idee ersichtlich.
Bilder sind der Versuch, Seiendes einzufangen, in einem besonderen Aspekt verständlich zu machen. Das Seiende, die Sache, ist der Kontrapunkt zum B., genau so wie dem sachlichen (logischen) Denken das bildhafte (in gewissem Sinn symbolische) gegenübersteht. jedes Bild ist eigentlich ein Abbild, sei es der äußeren, sei es der inneren Welt. Da es einen Sinn hat, eine geistige Einheit ausdrückt, ist es auch Sinn-Bild. Aber nur, wo über seinen Eigen-Sinn hinaus ein anderer, höherer Sinn anschaubar wird z.B. in der Farbe Rot nicht nur das Blut, sondern auch das Leben, haben wir ein echtes Symbol. Je nach ihrer Sinn-Dichte sind verschiedene Bilder zu unterscheiden: vom Abbild über das Symbol bis zum Urbild. Die Realität mythischer und religiöser Bildinhalte ist optisch nicht verifizierbar; gerade deshalb kommt ihnen oft Symbolcharakter zu.
Bei Klages sind Bilder die schauend erfahrbaren, wirkenden Bedeutungseinheiten der Dinge, die in unmittelbarem Kontakt mit der Seele stehen. Nach der Tiefenpsychologie ermöglichen Bilder aus dem Unbewussten einen Einblick in die Seelenlandschaft, wo das Unaussprechbare beheimatet ist, das sich einst in Mythos, Märchen und Ritus auszudrücken vermochte, heute z.B. noch im Traum und im diagnostischen Material der Psychotherapie. Nach dem Glauben der alten Hochkulturen zieht das Bild das Wesen und die Kräfte des Abgebildeten an; die Bilder tragen selbst Leben in sich. Der altägyptische Bildhauer hieß »der lebendig macht«, seine Tätigkeit wurde mit dem Wort »gebären« bezeichnet Das Verhältnis Platons zum Bild ist ein doppeltes: einerseits Aufstieg des Menschen nur durch ein Sichablösen vom Leib und den Sinnen (damit auch vom Auge und den Bildern), andererseits sind die Ideen zugleich Gestaltungen, Formen, Bilder; der wirklich Weise vermag in begnadeten Augenblicken die Ideen rein zu erschauen. In der spätantiken Philosophie, besonders im Neuplatonismus, ist die Natur ein im Bild eingefangenes Gleichnis des Transzendenten.
denken
Etymologisch lässt sich "denken" interessanter weise auf zwei gegensätzlichen Wurzeln zurückführen. Die eine bezeichnet ein Wiegen, Abwägen und die andere das feste Wissen. Im Arabischen wird mit dem gleichen Wortstamm folgende Tätigkeiten ausgedrückt: wahrnehmen, bemerken, erkennen, erfahren, unterscheiden, Kenntnis haben, kennen, wissen.
Das reine Denken bewegt, fliesst zwischen einer zeugende und eine empfangende Seite. Der Gedanke ist ein Gedachtes, Auskristallisiertes und somit Vergangenheit. Jedes weitere Denken bedingt ein Auflösen des Gedachten, um aus dem intuitiven Denken ("darinnen sein") heraus einen neuen Gedanken auskristallisieren zu lassen.
erkennen
unterscheiden: differenzieren, erkennen, scheiden, sichten, trennen, sich zurechtfinden, spitzfindig, Urteil, Charakteristik, Feingefühl, Kennerschaft, Takt, Scholastik, Wortklauberei
wahrnehmen: entdecken, klarstellen, merken, offen legen, in Erfahrung bringen, zutage treten, Einsicht, Erfindung, Erfolg, Experiment, Wahrnehmung
Intuition
Erkenntnis beruhend aus innerer Anschauung, im Gegensatz zum Erkennen durch kausales Verbinden von sinnlichen Wahrnehmungen (Materialismus).
Jeder Begriff den wir brauchen, setzt eine intuitive Leistung voraus des Verstehens, Begreifens des Begriffs.
Das Denken im Gegenüberstehen ist ein abstraktes, totes Denken. Das intuitive Denken bedingt ein Darinnen-sein.
Eine Wesenheit kann nur durch Intuition erfasst werden.
Seele, Lebenskraft
Mit der Lebenskraft bezeichnet man in der Homöopathie die Kraft, die im Organismus Leben bewirkt, unterhält und reguliert. Sie ist geistiger Natur. Über die Natur der Lebenskraft gibt es in den theoretischen Grundlagen der Homöopathie leider keine differenzierte und begründete Anschauung, so dass unklar bleibt, in wie weit und in welcher Art die Lebenskraft das pflanzliche, tierische und geistige Leben umfasst, sodass in dieser Hinsicht ein Wildwuchs von Theorien und Anschauungen bin hin zur Tabuisierung dieser Fragen entstanden ist. Allen gemeinsam ist, dass sie sich auf kein klar definiertes Menschenbild stützen können.
Für unsere Arbeit hat sich die Gliederung des Menschen in
Körper, Seele und Geist bewährt, umso mehr als in den Schriften des Thomas von Aquin und vielen anderen Philosophen weiterführende Antworten auf Fragen der Differenzierung gefunden werden wie z.B. der Weitergliederung der Seele in Seelenpotenzen der Wuchsseele, Sinnesseele und Vestandesseele.
Diese menschenkundliche Grundlagenforschung wird häufig als philosophische Spielereien abgelehnt; sie ist aber für die wissenschaftliche Begründung der Homöopathie und für die Arzneimittelforschung unerlässlich.
Die Materia medica mit ihren Symptomen der Lebenskraft beschreibt die seelische Ebene einer Substanz.
Signatur
Kennzeichen, Merkmal. Paracelsus versteht unter Signatur die äussere Gestalt als Wesensausdruck eines Dinges.
Die Signaturenlehre ist die Lehre von den Zeichen in der Natur, die als äußere Merkmale auf Ähnlichkeiten, Verwandtschaften und innere Zusammenhänge hinweisen.
Die Signaturenlehre beruht auf der Grundannahme, dass alle Erscheinungen und Wesen in der Natur einschließlich Mensch und Geistwesen miteinander in Beziehung stehen und miteinander verknüpft sind
Symptom
Begebenheit, Eigenschaft, Zusammenfallen, Krankheitszeichen. Aus gr. symptptein = sich ereignen, zusammentreffen, zusammenfallen. Erscheinungen ausserhalb des Gewöhnlichen, die eine Störung oder einen Konflikt enthüllen. Bezogen auf das Arzneimittel ist das Symptom.
Substanz
Wir verwenden hier den Begriff "Substanz" in seiner umgangssprachlichen Bedeutung von Stoff, materielle Erscheinung.
Dennoch ist die ursprüngliche, philosophische Bedeutung bemerkenswert, die sich ableitet von der lateinischen Übersetzung des griech. Begriffs "usía" das Beharrende, das Unveränderliche, das bleibende Wesen einer Sache ab; Urgrund im Gegensatz zur Akzidenz und Variante; Wesen; eigentliche Wirklichkeit, Ergebnis einer in gegenständlicher Einstellung erfolgten Differenzierung der Dinge in ein bleibendes, dauerhaftes Substrat und in eine wandelbare äußerliche Erscheinungsweise (Akzidenz); ein Ding ist somit eine Verbindung aus Substanz und Akzidenz.
Verstehen
Ausgangsbedeutung von Verstehen ist „davor stehen“ (im Unterschied zu „darinnen stehen“ der unmittelbaren Anschauung, Intuition).
Im "Ver-" stehen kommt aber auch zum Ausdruck, dass das umfassende Erfassen eines Dinges, das Verlassen des eigenen Stehens, des Standpunktes, erfordert.
Wesen:
Etymologisch ist "Wesen" von germanischen "sein" abgeleitet; in andern Sprachen hat es die Bedeutung von "sein, leben, weilen", im Griechischen "die Nacht verbringen". Mit "Wesen" wird hier das einer Erscheinung zu Grunde Liegende bezeichnet. (vergl. "Substanz")

Literatur

• Peltzer von Normann Reinhard, Karl: Das treffende Wort, Thun, 1993
• Kluge, Frierich: Ethymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin, 1989
• Schweizer Lexikon, 1947
• Scholze-Stubenrecht: Duden: Fremdwörterbuch, Zürich 1997
• Dr. Alfonso Masi Elizalde, cours superieur de revision de la doctrine de la technique et de la matière medicale homéopathique, 1989, Homeoden Book Service
• Dr. Masi Elizalde Alfonso, doctrine homéopathique, 1984 Nr. 1, 1985 Nr. 2, 1990 Nr.3 Afadh, Brives-Charensac
• Dr. Masi-Elizalde Alfonso, Überarbeitung der Lehre, Materia Medica und Technik der Homöopathie, Preis Stefan, Seminar zur Sicht der Homöopathie nach Dr. Masi-Elizalde, Verlag Sylvia Faust, 1992, Höhr-Grenzhausen.
• Waldenfels Bernhard, Einführung in die Phänomenologie, UTB für Wissenschaft, Fink Verlag, München, 2001
• Vetter Helmuth, Wörterbuch der phänomenologischen Begriffe, Meiner Verlag, Hamburg, 2004
• Heidegger Martin, Die Grundprobleme der Phänomenologie, Gesamtausgabe Band 24, Klostermann Verlag, Frankfurt am Main, 1975




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