Medizin zwischen
Wissenschaft und Weltanschauung

Fachtagung für Ärztinnen und Ärzte; auch Studierende der Medizin und andere an diesem Thema Interessierte sind herzlich willkommen. Es sind weder philosophische noch homöopathische Vorkenntnisse erforderlich.

Programm:
1.Impulsreferat:
Patientinnen und Patienten als erkrankte Unikate
- eine philosophische Herausforderung für
die medizinische Wissenschaft

Dr. med. Peter Mattmann-Allamand
FMH Allgemeinmedizin und FA Homöopathie FMH, Kriens

anschliessend Diskussion in Kleingruppen
Dozenten und Dr. med. Barbara Bichsel, FMH Allgemeinmedizin und FA Homöopathie FMH, Schiers

gemeinsames Mittagessen in der Villa Merian

2.Impulsreferat:
Was bedeutet Wissenschaftlichkeit für die heutige Medizin und Komplementärmedizin, insbesondere Homöopathie ?
med.pract. Pierre Strub
FMH Allgemeinmedizin und FA Homöopathie FMH, Dürnten

anschliessend Diskussion in Kleingruppen

Abschluss im Plenum, anschliessend Apéro
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Ort:…..........Lehmhaus Merian Gärten
……………..Vorder Brüglingen 5, 4052 Basel http://www.meriangaerten.ch/de
Zeit:…..........Samstag 18.Nov. 2017, 09.00 bis 17.00 Uhr (Türöffnung 8.30)
Kosten: .......Erwerbstätige 70.- (inkl.Mittagessen); Studierende 40.- (inkl.Mittagessen) Einzahlungen: PC85-279383-2 Empfänger: IGHGH/8635 Dürnten/IBAN CH89 0900 0000 8527 9383 2 Oder bar an der Tagung
Credits: SVHA: 8 Credits (erweiterte Fortbildung)

Anmeldung bis 10.November an: Barbara Bichsel, Gemeinschaftspraxis integra, Sagastägstr. 1A, 7220 Schiers, bichsel.praxis(at)hin.ch

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Medizin zwischen Wissenschaft und Weltanschauung

DIE Wissenschaft als ein vom Alltag, der Praxis und der Politik abgetrennter, autonomer Bereich, in dem unverfälschte und undiskutierbare Wahrheiten über die Natur erzeugt und gehütet werden, hat ihre Unschuld verloren. Wissenschaftsforscher wie Bruno Latour (1) haben in ihren science studies zu Tage gefördert, dass diese Vorstellung immer eher interessengeleitete Ideologie als Wirklichkeit war. An Beispielen wie der Entdeckung der Milchsäuregärung durch Pasteur oder der Atomspaltung durch Joliot stellt Latour das vielfältige Netz von Interaktionen zwischen „nicht menschlichen Wesen“ und Menschen und deren Institutionen wie Wissenschaft und Politik dar, die
Forschung ausmachen und letztlich zu neuen Techniken führen (2).

Wissenschaft braucht Kontroversen, Rätsel, Wagnisse und Phantasie
Gerade weil es in der Wissenschaft darum geht, uns Menschen zunächst fremde natürliche Entitäten durch Experimente und Berechnungen gleichsam zu sozialisieren, muss sie möglichst viele verschiedene Sichtweisen, den Gesamtzusammenhang und das Alltagsleben miteinbeziehen. Wissenschaftlichkeit erträgt keine Dogmen, keinen Ausschluss von Fragestellungen und Forschungsbereichen. Das Weltbild, d.h. das Wirklichkeitsverständnis der newton’schen Naturwissenschaft ist nicht nur durch
Quantenphysik und Relativitätstheorie, sondern auch durch wichtige Strömungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts z.B. die Lebens-, Evolutions- und Prozessphilosophie erschüttert worden(3, 4, 5, 6, 7, 8).

Die konkrete Wirklichkeit – ein kreatives Prozessgeschehen
Die Naturwissenschaft hat durch Reduktion der Natur auf messbare mathematische Relationen und einfache Ursache-Wirkungsbeziehungen grosse technische Erfolge er-
zielt. Doch sie wird der konkreten Wirklichkeit nur teilweise gerecht. Die Prozess-philosophie sieht die Natur als ein kreatives Prozessgeschehen, als ein sich ständig veränderndes Netz von einzelnen und individuellen Ereignissen und Entitäten, die durch ihre gegenseitige Verknüpfung ständig neue konkrete Wirklichkeit erzeugen.
Natürliche Ereignisse haben nicht nur messbare quantitative, sondern auch qualitative Eigenschaften und der Leib-Seele oder Materie-Geist-Dualismus wird als eine gedankliche Abstraktion, die in der konkreten Natur nicht vorkommt, interpretiert.

….....Trotz verblüffender Erfolge der modernen Medizin bleiben viele Fragen unbeantwortet: Sind Zersplitterung, Spezialisierung, totale Medikalisierung und Technisierung unausweichlich und überhaupt bezahlbar? Erhält der einzelne Patient die optimale, bestmögliche Therapie? Werden die allgemein menschlichen Bedürfnisse des kranken Menschen berücksichtigt; dürfen Sinnfragen ausgeklammert werden?
….....Der Anlass findet im Rahmen des 6.SVHA Homöopathie-Tages statt; er befasst sich mit grundlegenden Fragen sowohl der Schulmedizin als auch der Komplementärmedizin: Ist Medizin Wissenschaft oder Weltanschauung? Ist das wesentlich und wenn ja, warum? Gibt es eine Philosophie der Medizin? Was ist deren Aufgabe? Was ist der Hauptgegenstand der Medizin: der Kranke oder die Krankheit? Was heisst Wissenschaftlichkeit in der Komplementär-Medizin, insbesondere in der Homöopathie ?
….....Mit den zwei Impulsreferaten möchten wir seit langem anstehenden Fragen der Medizin Gestalt und Raum geben. In den anschliessenden Diskussionsgruppen sollen verschiedene Ansichten betrachtet und die Definierung des eigenen Standpunktes ermöglicht werden. Im Prozess des In-Frage-Stellens suchen wir immer wieder nach konkreten Antworten, um nicht in die Beliebigkeit abzugleiten.

1. Impulsreferat:
Patientinnen und Patienten als erkrankte Unikate - eine philosophische Herausforderung für die medizinische Wissenschaft
Peter Mattmann befasst sich im Rahmen der Bachelorarbeit seines Philosophiestudiums mit Medizintheorie. Anhand von Autoren wie Hegel, Husserl, Dewey, Whitehead, Habermas und Latour zeigt er auf, wann philosophisch von Wissenschaftlichkeit gesprochen werden kann, wie und warum die Theorie der naturwissenschaftlichen Medizin (Medizintheorie) in Skeptizismus und Beliebigkeit endet und welches die Folgen einer nur weltanschaulich fundierten Medizin sein könnten. Die Fokussierung auf das kranke Individuum als Hauptgegenstand der Medizin hätte weitreichende Folgen.
Diskussion in Kleingruppen
- Wie könnte mangelnde Wissenschaftlichkeit der Medizin sich in der Praxis auswirken? - Was wäre in Theorie und Praxis anders, wenn sich die Medizin auf den kranken ..Menschen und nicht auf die Krankheit beziehen würde?
.2. Impulsreferat:
Was bedeutet Wissenschaftlichkeit für die heutige Medizin und Komplementärmedizin, insbesondere die Homöopathie?
Pierre Strub versucht die Konsequenzen aufzuzeigen, welche sich aus den Forderungen einer definierten Wissenschaftlichkeit für die Medizin ergeben: Für die Schulmedizin wie auch für die Homöopathie drängen sich Erweiterungen im Verständnis von Wissenschaftlichkeit auf, zum Beispiel der Zugang zum Phänomen Leben in der Schulmedizin und das Problem der Beliebigkeit in der Homöopathie.

Diskussion in Kleingruppen
- Was könnten die praktischen Folgen für die Forschung, für die Weiterbildung und für die
..Praxistätigkeit, sein.
- Welche Widerstände und Argumenten sind von den Naturwissenschaften und
...von der Komplementärmedizin zu erwarten ?
- In wie weit ist die Frage nach dem Sinn des Krankseins für die Medizin von Bedeutung ?

Plenum
Zusammenfassung der Kleingruppen-Arbeiten

LITERATUR
1 Bruno Latour,
Cogitamus, 2016, Berlin: Suhrkamp
2 Bruno Latour,
Die Hoffnung der Pandora, 2015 (5. Aufl.), Frankfurt am Main: Suhrkamp
3 Henri Bergson,
Schöpferische Evolution, 2013, Hamburg: Felix Meiner
4 Nicholas Rescher,
Process Metaphysics, 1996, New York: State University
5 John Dewey,
Erfahrung und Natur, 1995, Frankfurt am Main: Suhrkamp
6 John Dewey,
Die Suche nach Gewissheit, 2013 (3. Aufl.), Frankfurt am Main: Suhrkamp
7 Alfred North Whitehead,
Wissenschaft und moderne Welt, 1988, Frankfurt: Suhrkamp
8 Alfred North Whitehead,
Prozess und Realität, 1987, Frankfurt: Suhrkamp